Berndt Röttger

European Newspaper Award 2003 (Kongress März 2004)

Vortrag „Visualisierung“

Die Erforschung von Gerüchten und Gerüchen, die Wissenschaft des Wanderns, neue Erkenntnisse über die Erforschung von Schreib- und über Rechenschwächen, die Bedeutung von erneuerbaren Energien, mathematische Formeln für die Börse oder neue, besonders schonende Operationstechniken für Herzpatienten. Wie bringen wir all diese Themen mit Bildern herüber? Wie können wir denn das alles illustrieren? Wie können wir diese komplizierten Geschichten in Bildern erzählen?

Ich weiß nicht, wie oft ich mir als Leiter des Ressorts Wissenschaft beim Hamburger Abendblatt mit meinen Kollegen diese Fragen gestellt habe.

Denn unser tägliches Brot sind – wie die gerade erwähnten Beispiele zeigen - nicht unbedingt Themen, bei denen die Bilder wie bei einem spannenden Fußballspiel im Sport, einer glänzenden Theaterpremiere in der Kultur oder der Vorstellung eines Neubauprojektes im Lokalteil auf der Hand liegen.

Was also tun?

Die Antwort liegt so nahe und es ist eigentlich ist es ein wenig wie beim Schreiben: Wenn die direkten Begriffe fehlen, müssen wir nach Bildern suchen, müssen wir versuchen die Dinge mit Worten zu umschreiben und zu übersetzen. Das gleiche tun wir in der Optik: Wenn die aktuellen Nachrichtenfotos ¬- wie etwa bei einem Fußballspiel – fehlen, dann müssen wir auch hier nach Bildern suchen, die die Dinge Umschreiben können. Ganz so, als fehlten uns die Worte…

Ich lasse mir die Geschichten von den Autoren und Reportern erzählen. „Wie geht die Geschichte?“ lautet immer wieder die Frage. „Was ist die Kernaussage deiner Geschichte?“ Im Grunde ist es wie bei der Suche nach einer Überschrift. Ich versuche die Nachricht wie bei der Formulierung der Schlagzeile herauszukristallisieren. Die Frage: Wie sage ich es meinem Leser in drei oder vier Worten? Und die Frage: Wie erzähle ich den Kern der Geschichte mit der Hilfe eines Bildes? – beide Antworten liegen häufig unheimlich nah beieinander.

Buchstaben und Bilder – beide dienen gleichermaßen der Geschichte, der Nachricht, der Information, die wir unseren Leserinnen und Lesern vermitteln wollen. Die Bilder müssen ebenso wie der Text die Geschichte erzählen. Sie tragen wie jedes Wort dazu bei – sind nicht nur schmückendes Beiwerk oder optische Auflockerung. Aber die Bilder dürfen auch nicht die Geschichte beherrschen. Sie dürfen nicht im Widerspruch zum Text stehen und die Optik darf den Bericht auch nicht in einem andern Licht erschienen lassen. Buchstaben und Bilder – beides sind unterschiedliche Wege, die das gleiche Ziel haben. Beide Wege sind gleich wichtig.

Im Grunde ist es auch eine Art Übersetzungsarbeit – denn Bilder sind ja letztlich auch eine Art Sprache. Es ist die Sprache, die wir als erstes und es ist die Sprache, die wir am schnellsten verstehen.

Das ist der eine sehr wichtige Aspekt. Einen anderen Ziel möchte ich hier aber auch nicht verschweigen: Die Bilder sollen den Leser beim Durchblättern natürlich auch stoppen lassen. Sie sollen aufrütteln, irritieren und ¬- wenn es gut funktioniert – immer wieder überraschen.

Ich möchte Ihnen im Folgenden ein paar Beispiele unserer Seiten zeigen und versuchen, jeweils in ein paar Worten die dahinter stehende Idee und die Entstehung zu erklären.

Zunächst ein kleiner Blick zurück. In der Programm-Ankündigung hat Herr Küpper so nett erwähnt, dass das Hamburger Abendblatt mit seiner Wissenschaftsredaktion in den vergangenen Jahren bereits mehrfach einen European Newspaper Award in der Kategorie Visualisierung gewonnen hat.

Titelseite Wissen 10. 10. 2000 

  In dieser Ausgabe haben wir in einem Schwerpunkt-Thema über neuartige Wissenschaftsmuseen, so genannte Science Center, berichtet, die Naturwissenschaft als Erlebnis, spielerisch und mit Spaß zu vermitteln. Die schwierige Frage, wie wir dieses Thema und gleichzeitig die Premieren-Seite illustrieren können, beantworteten wir mit einem Harlekin, der mit Symbolen aus der Welt des Wissens jongliert. Die Idee dazu war schnell aus der möglichen Titelzeile „Wissen macht Spaß“ und dem spielerischen Umgang mit Wissenschaft in den Science Centern geboren. Unser Glück damals war der Layouter, mit dem wir „Wissen“ gestartet haben: Rüdiger von Schütz hatte eigentlich einmal Kinderbuch-Illustrator studiert und ließ er sich dazu überreden, dieses Titelbild zu zeichnen.

Titelseite „Die Sonne anzapfen“

Zu den ersten für Visualisierung ausgezeichneten „Wissen“-Seiten gehörte die Titelseite mit der Schlagzeile „Die Sonne anzapfen“. Die war eine Geschichte darüber, welche – ungenutzten - Chancen erneuerbare Energien wie zum Beispiel die Sonnenenergie bieten. Solarzellen sehen langweilig dunkelgrau glitzernd aus. Stattdessen haben ich mir überlegt: Was macht man, wenn man diese Form der Energie nutzt? Richtig: Man zapft die Sonne an.

Seite Hühner

Wie illustriere ich das Problem der Massentierhaltung? Natürlich mit einem Bild von lauter Hühnern… Aber das allein wäre zu einfach, zu normal gewesen. Deshalb habe ich mir überlegt: Warum soll es dem Text, der diese Massentierhaltung kritisch beschreibt, besser gehen, als den Tieren selbst. Wir haben ihn optisch „eingesperrt“ – inmitten der gequälten Tiere.

Titelseite Rotstift

Ebenfalls ausgezeichnet wurde die „Wissen“-Titelseite mit der Geschichte über die unterschiedlichsten kulturellen und historischen Bedeutungen der Farbe Rot. Manchmal sind es ganz einfache Dinge – wie dieser Rotstift, mit dem ich in der Redaktion die Seiten aufreiße ¬- die richtig groß aufgenommen die richtige Bildsprache entwickeln. In der Geschichte ging es neben der politischen, der erotischen oder der sportlichen Bedeutung der Farbe Rot schließlich auch um die Frage warum wir bei Streichungen oder Kürzungen vom Rotstift sprechen.

Architektur

Wie soll Architektur auf die Menschen wirken? Dies ist eine Frage, mit der sich der Architekturpsychologe beschäftigt, den unsere Reporterin für diese Geschichte interviewt hat. Architektur umgibt den Menschen – dort wo er lebt und dort wo er arbeitet. Also haben wir den Text mit einem der positiv vom Architektur-Psychologen herausgehobenen Beispiele für Büroarchitektur, das Chilehaus in Hamburg umgeben. Diese Seite wurde im vergangenen Jahr von der Jury des European Newspaper Awards in der Kategorie Visualisierung ausgezeichnet.

Titelseite Baby nach Maß

Bei der Geschichte über den Trend zum maßgeschneiderten Baby und die technischen Möglichkeiten lag die Optik fast schon auf der Hand: Die Zutaten, die wir brauchten, waren ein Bild von einem Baby und ein – wie auch immer geartetes Messgerät. Fast ein Selbstgänger könnte man meinen, aber wir hätten natürlich auch versuchen können irgendwelche Gen-Sequenzen abzubilden. Doch das hätte den Lesern sicherlich den Zugang zum Thema erschwert.

Rostlauben

Die Bedrohung der Weltmeere durch schwimmende „Rostlauben“ – und die Ohnmacht der Betroffenen: Es gab kein besseres Bild für diese Geschichte, die ein paar Wochen nach dem Untergang des Tankers „Prestige“ vor der spanischen Küste erschien, als dieses Foto der Agentur Reuters. Es lief aktuell über den Dienst. Die extreme Vergrößerung der extreme Ausschnitt geben der Seite eine weitere Dramatik.

Titelseiten: Kabellos + Jetzt funkt es aber richtig

Das Thema kabellose Netzwerke – so genannte Wireless LANs - hat uns zur Computermesse CeBIT in den vergangenen Jahren gleich mehrfach beschäftigt. Ein unsichtbares Thema zu visualisieren ist eine echte Herauforderung: Beim ersten Mal habe ich mich unserem Fotografen eine bunte Auswahl von Kabeln gegeben und ihn gebeten, dieses „Abschiedsfoto“ für die Titelseite zu machen. Denn die neue Technik konnte man kaum darstellen – den alten Kabelsalat mit aber kannte jeder. Im vergangenen Jahr haben wir das gleiche Thema dann mit einer Zeichnung illustriert. Dazu habe ich dem Zeichner das Thema und die Möglichkeiten der kabellosen Verbindungen genau beschrieben – herausgekommen ist eine Zeichnung, die zwar informative Elemente hat, aber das sehr technische Thema ansonsten eher unterhaltsam angeht.

Quatschen reicht nicht + Brennen als Volkssport

Diese Mischung haben wir dann für die weiteren CeBIT-Seiten der Wissen-Ausgabe ebenfalls eingesetzt: Dem Handy werden nach der ursprünglichen Telefonie immer neue Multimedia-Funktionen eingetrichtert und den Boom bei den DVD-Brennern haben wir als Volkssport interpretiert. Die Ideen zu dieser fast Karikaturhaften optischen Umsetzung sind in Gesprächen mit dem Zeichner Peter Menne entstanden.

Sturm an der UNI

Kleine Wirbelstürme bilden sich zwischen den Gebäudekomplexen der Hamburger Universität. Wissenschaftler der Uni untersuchten, wie sie entstehen – und wie man Abhilfe schaffen kann. Um dieses Thema auch optisch zu präsentieren, habe ich nach Angaben des Forschers von unserem Grafiker das zugigste Gebäude mit den entsprechenden Winden zeichnen lassen. So kann man den Wind beim ersten Blick auf die Seite sehen.



Gerüchte

Die Geschichte und die soziokulturelle Bedeutung des Gerüchtes: Wie lässt sich das besser visualisieren, als durch jemanden, der einem anderen etwas ins Ohr tuschelt. Das passende Foto habe ich bei einer Bildagentur gefunden und um die Spannung auf der Seite zu erhöhen auseinander geschnitten und auf die wesentlichen Elemente reduziert.

Maßband

Wie messen die Astronomen eigentlich die Entfernung zu Milliarden Lichtjahre entfernten Sternen? Diese Frage eines Lesers beantworteten wir auf dieser Wissen-Seite: Die komplizierten Verfahren können wir kaum optisch verdeutlichen – wohl aber das Bestreben der Astronomen, die Weiten des Weltraums zu vermessen. Ich habe es mit einem einfachen Maßband und dem Sternenhimmel verdeutlicht – wohl wissend, dass die Wissenschaftler kein gelbes Band, sondern die Verschiebung der Lichtwellen in Richtung des Rot-Spektrums zur Messung nutzen. Aber wenn wir ein Maßband in Verbindung mit Sternen sehen – liegt die Schlussfolgerung, dass sich hier um das Messen im Sternenhimmel geht nahe. Und genau darum drehte sich ja unsere Geschichte.

Kleiner Schnitt zum Herzen

„Kleiner Schnitt zum Herzen“ - unter diesem Titel haben wir auf dieser Seite über Erfolge der schonenden Herzoperation anhand von unterschiedlichen Beispielen berichtet. Die Geschichte war – als ich das Material sah – eigentlich eine optische Katastrophe. Es gab Porträts der Betroffenen und es gab schematische Zeichnungen der unterschiedlichen Operationsmethoden oder Krankheitsbilder. Das sind nicht wirklich Bilder, die den Leser ins Thema hineinführen. Es fehlte die große optische Klammer. Also habe ich unseren Grafiker gebeten, uns ein einfaches symbolisches Herz zu zeichnen. Mit diesem Umriss haben wir dann die einzelnen Geschichten miteinander verbunden – und gleichzeitig angedeutet, worum es im Text geht.

Jede Minute zählt

Beim Schlaganfall geht es um möglichst schnelle Hilfe: Dies war die Kernbotschaft, einer Geschichte über die Gefahren des Schlaganfalls. Die Mediziner zeigten uns einzelnen Grafiken, die verdeutlichten, wie schnell das Hirngewebe Schaden nimmt oder gar abstirbt. Wir hätten die einzelnen Grafiken einfach nebeneinander stellen können. Aber die zeitliche Dramatik wäre dadurch nicht richtig deutlich geworden. Um zu zeigen, wie groß der Schaden bereits nach einer halben oder noch schlimmer nach einer Stunde ohne Behandlung ist, habe ich die Grafiken auf einem Zifferblatt verteilt.

Titelseite: Das Wandern ist des Forschers Lust

Wandern wird zum Megatrend und der Natursport von heute hat mit der Wanderbewegung von früher nicht mehr viel zu tun. Zu diesem Schluss kam der Wanderforscher, der im Mittelpunkt dieser Titelseite stand. Das allseits bekannte Bild von einer Wandergruppe hätte nach einer Reise- oder Freizeit-Seite ausgesehen. Für unsere Geschichte reichte eigentlich ein Detail: Der moderne Wanderschuh als Symbol des neuzeitlichen Wanderns als Trendsport. Wie das Bild und die Seite aussehen sollen, habe ich nach der Idee grob aufgezeichnet und dann mit einem unserer Fotografen durchgesprochen. Das Foto ist passend für das Layout fotografiert worden.

Weizenbaum: „Einer, der genau hinsieht“

Ebenso ist eigentlich auch diese – in diesem Jahr in der Kategorie Fotografie ausgezeichnete Seite – entstanden: Der MIT-Professor Joseph Weizenbaum hat sich während seines langen Lebens vom Computer-Pionier zum Technikkritiker entwickelt. Mit diesem Hintergrund schickte ich unsere Reporterin und unseren Fotografen Ronald Sawatzki zu einem Interview-Termin mit Weizenbaum. Die Bildidee lag nahe, als ich die Arbeitszeile „Einer, der genau hinsieht“ nach der Entwicklung des Themas im Kopf hatte: Ich wollte einen extremen Ausschnitt des Gesichtes dieses Mannes sehen. Ein wenig Gesicht und vor allem das Auge, das „genau hinsieht“ – zum anderen aber auch immer besonders viel über einen Menschen verrät. 


Zu guter letzt stellt sich vielleicht noch die Frage: Welche redaktionellen Mittel stehen uns für diese Art der Visualisierung zur Verfügung? Das Hamburger Abendblatt hat zwei fest angestellte Grafiker und zwei fest angestellte Fotografen. Das ist nicht viel für die unterschiedlichsten Anforderungen einer großen Regionalzeitung. Darüber hinaus arbeiten wir mit einer ganzen Reihe von freien Fotografen. Für die Suche nach passenden Bildern blättere ich aber auch in Katalogen der einschlägigen Bildagenturen wie Image-Bank oder Mauritius. In anderen Fällen bitte ich unsere Fotoredaktion darum elektronisch bei weiteren Agenturen oder im Fotoarchiv nach passenden Bildvorschlägen zu suchen.
Eine weitere Quelle für optische Anregungen oder Bildelemente ist unsere eigene digitale Fotodatenbank. Es enthält weit über eine Million über Stichworte recherchierbare Bilder. Hier finden wir alle Bilder, die seit 1997 im Hamburger Abendblatt erschienen sind, ein „Handarchiv“ mit ausgewählten Motiven, die aktuellen Agenturbilder der vergangenen vier Wochen und einige andere Auswahlordner.

Das wichtigste Arbeitswerkzeug bei dieser Art Blattmachen allerdings ist etwas anderes: Es sind die Ohren. Genau zuhören, die Geschichten heraushören, den Kern der Geschichten erlauschen und erfragen – das ist der Weg zur passenden Visualisierung auch von schwierigen Themen.